Auf Stelzen gehen. Geschichte einer Magersucht – Lena S.
I don‘t care if it hurts
I wanna have control
I wanna have a perfect body
I wanna have a perfect soul.
Mit diesem Radiohead-Zitat eröffnet Lena S. ihre Autobiographie, in der sie rückblickend, wie im Zeitraffer, über ihr Leben mit der Magersucht schreibt.

Immer ein pflegeleichtes Kind und eine sehr gute Schülerin aus einer auf den ersten Blick intakten Familie, erkrankt Lena im Alter von 15 Jahren scheinbar grundlos an Anorexie.
Unter dem Titel „Auf Stelzen gehen“ schreibt sie über den unerbittlichen Kampf gegen ihren Körper und über das Nichtessen als Verneinen der geordneten, erdrückenden Scheinharmonie ihrer Familie („Wenn wir Milchreis essen, dann den ersten Teil mit Kirschen, den zweiten mit geschmolzener Butter und Zucker und Zimt. [...] Die Nudeln werden so lange gekocht, wie auf der Packung steht. Was das Seltsame ist: Es wird niemals hinterfragt. [...] Niemand stellt dieses Leben in Frage, es ist so, naturgesetzgleich, und hinterfragst du es einmal, passt du nicht mehr, passt du nicht in diese Welt, wirst du herausfallen.“). Schreibt über die existentielle Fettfurcht, den Klinikaufenthalt, über die Angst vor dem Sterben und die Angst vor dem Leben.
Lenas Geschichte ist nicht die der Bilderbuch-Magersucht, wie sie in zahlreichen Jugendbüchern beschrieben wird: Mädchen kommt in die Pubertät, hört auf zu essen, magert ab, macht eine Therapie, nimmt wieder zu und alles wird gut.
Nein, es ist die entnervende, authentische Anorexie, die nicht nach ein paar Wochen Klinik überwunden ist, die das Denken und die Gefühle auch dann noch unerbittlich im Griff hat, wenn der Körper längst wieder ins Normalgewicht gezwungen wurde. Es ist die Paranoia, von den Menschen auf der Straße angestarrt und als zu dick verurteilt zu werden, der soziale Rückzug, die Isolation. Es ist die ständige Scham, grundsätzlich zu viel zu essen und zu viel zu wiegen, das Schuldgefühl und der Ekel vor dem Körper. Es ist die Panik vor frischgewaschenen Jeans.
Und nicht zuletzt ist es der ernüchternde Gedanke, was man denn noch wäre ohne diese Essstörung. Normal, durchschnittlich, nur mehr Mittelmaß? So beginnt jedes der fünf Kapitel mit der Frage: wer bin ich? – „Diagnose: Anorexia nervosa (restriktiver Typus), zwanghaft-depressive Persönlichkeitsstruktur, 10% Mortalitätsrate. Wer bin ich? – Anorexia nervosa, partielle Remission. Wer bin ich? – Anorexia nervosa, rezidivierend.“ Und schließlich: „Wer bin ich? – Scheißdiagnosen, ich bin dies alles hier und doch viel mehr. 10% Mortalitätsrate, aber ich lebe noch. Ich lebe und ich will niemand anders sein.“
Denn endlich, nach Jahren des Hungerns und der Therapien schafft es die junge Frau allmählich, sich loszumachen von den Forderungen ihrer Familie und stattdessen für sich selbst einzustehen.
Im Nachwort der Psychotherapeutin Alexa Franke möchte man einen Textmarker zur Hand nehmen und es knallgelb unterstreichen: „Der Wunsch, besonders zu sein, ist ein existentielles Bedürfnis jeder anorektischen Patientin – und je tiefer sie sich in die Störung verstrickt, desto weniger kann sie diesen Wunsch realisieren, desto mehr nähert sie sich der ‚typischen Anorektikerin‘.“
Ein ehrliches Buch über eine Erkrankung, die so gar nichts mit der rosaroten Pro-Ana-Welt zu tun hat, das ich sowohl Außenstehenden empfehlen kann, die das Thema Anorexie nachzuvollziehen versuchen möchten, als auch Betroffenen, denen das Spiegelbild der Lena S. nicht zuletzt Erkenntnisse über ihre eigene Erkrankung vermitteln kann.
Erschienen im Verlag BALANCE erfahrungen, ISBN 978-3-86739-014-9, 14,90€.
Der letzte Vogelkrieg. Traum oder Trauma? – Charlotte Lorenz

Von der tablettenabhängigen Mutter vernachlässigt und von einem Verwandten sexuell missbraucht, gleicht schon Charlottes Kindheit einem Albtraum. Dies setzt sich in ihren späteren Beziehungen fort, in denen sie misshandelt, zu sexuellen Handlungen gezwungen, erniedrigt und eingesperrt wird.
Spiegelwelten und beängstigende Vogelwesen tauchen auf, die Gericht halten über Charlotte und sie immer wieder zum freien Fall verurteilen; sie findet sich mitten im Vietnamkrieg wieder, wenn sie in der Stuttgarter Wohnung vergewaltigt wird, und ihre Gedanken fallen als Kristallsplitter auf den Boden, die sie aufheben und wieder in ihre Handflächen hineinreiben muss. Autokennzeichen und Vögel am Himmel werden umgedeutet zu Botschaften über ihren Tod.
Wirklichkeit und psychotisches Erleben überlagern sich, für Charlotte oft nicht zu unterscheiden. Und so wird auch ihre Lebensgeschichte nicht chronologisch erzählt, sondern es mischen sich in die Schilderungen des aktuellen Lebens und ihrer Therapie immer wieder Sequenzen aus den Vogelkriegen und ihrer traumatischen Vergangenheit. Auf den Leser mag dies anfangs verwirrend wirken, aber durch die unterschiedliche Typographie sind die einzelnen Passagen deutlich zu unterscheiden.
Vorübergehende Beruhigung findet Charlotte schließlich im monotonen Rhythmus unzähliger Gedichte, die sie aufschreibt oder auch einfach nur vor sich hin spricht, um sie loszuwerden. Anfangs jedoch sieht sie sich selbst dabei nicht als kreative Verfasserin, sondern nur als Übersetzerin der Bilder aus der Traumwelt.
Erst nachdem Charlotte erkennt, dass ihr das Ruhigstellen mit hochdosierten Medikamenten nicht dauerhaft weiterhelfen kann, beginnt sie gemeinsam mit ihrem Therapeuten die Bildsprache ihrer Halluzinationen Stück für Stück zu entschlüsseln. So wird offensichtlich, dass sie nicht “einfach verrückt” ist, sondern dass sich in diesen furchteinflößenden Bildern in Wahrheit ihre Lebensgeschichte verbirgt – chiffriert zwar, aber nach und nach kann sie den Bezug zu ihren traumatischen Erfahrungen herstellen und sieht sich den Vogelwesen nicht mehr hilflos ausgeliefert gegenüber. Charlotte entdeckt die heilsame Kraft des Schreibens und lernt, für sich ein lebenswertes Heute aufzubauen, in dem es um mehr geht als nur um das blanke Überleben.
Durch die plastische Bildsprache spürt auch der Leser den kalten Schrecken, der von den Endloskatastrophen ausgeht und erlebt die albtraumhaften Erfahrungen Seite um Seite hautnah mit. Ein Buch, das berührt und erschüttert, und anbetrachts der schließlichen Heilung zugleich Mut macht.
Erschienen im Verlag Balance Buch + Medien, ISBN 3867390126, 14,90 €.
Mut zur Veränderung – Rosemarie Piontek
Wer sich mit dem Gedanken an eine Psychotherapie trägt, der sieht sich zunächst einmal mit zahllosen Fragen konfrontiert: welche der vielen Therapieformen ist die richtige für mich – was ist der Unterschied zwischen Psychiater, Psychotherapeut und Heilpraktiker? Muss ich zwangsläufig Medikamente einnehmen? Ist mein Problem überhaupt schwerwiegend genug, um eine Therapie zu rechtfertigen, oder werde ich als “verrückt” abgestempelt? Wie finde ich einen Therapieplatz, und woran erkenne ich einen guten Therapeuten? Wird die Therapie von der Krankenkasse finanziert?

Auf diese und viele weitere Fragen geht Rosemarie Piontek, in Bamberg tätige psychologische Psychotherapeutin, in dem 240seitigen Ratgeber “Mut zur Veränderung – Methoden und Möglichkeiten der Psychotherapie” ausführlich ein. Dabei richtet sich das Buch nicht nur an Menschen, die mit ihrem Alltag nicht mehr zurecht kommen und sich erstmals in therapeutische Behandlung begeben möchten, auch für bereits therapieerfahrene Klienten sind diverse hilfreiche Informationen enthalten. Der Fokus liegt in erster Linie auf ambulanter Therapie für Erwachsene, da sowohl stationäre Behandlungen, als auch der Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie den Rahmen des Bandes gesprengt hätten.
Um dem Klienten eine fundierte Orientierungshilfe an die Hand zu geben, werden die verschiedenen Therapieformen von Verhaltenstherapie und Psychoanalyse über EMDR und Hypnotherapie bis hin zur systemischen Therapie vorgestellt und miteinander verglichen. Darüber hinaus finden sich Informationen zum Finden geeigneter Therapeuten, zu den probatorischen Sitzungen und der Therapiedauer. Entscheidungshilfen gibt es für Fragen wie der nach Einzel- oder Gruppentherapie, männlicher oder weiblicher Therapeut, ambulante oder stationäre Therapie, … Auch auf Aspekte wie den Umgang mit Diagnosen, Schweigepflicht oder darauf, was einem bei einem Erstgespräch erwartet, wird eingegangen.
Aufgelockert werden die einzelnen Kapitel dabei durch etliche Checklisten (“was vor der Suche nach einem Therapieplatz zu überlegen ist”, “hilfreiche Fragen für die erste Stunde”, …) sowie mehrere beispielhafte Dialoge zwischen Klient und Therapeut, die typische Situationen in der Gesprächstherapie aufzeigen und dadurch Ungewissheiten und Hemmschwellen zu beseitigen helfen.
Ein Ratgeber, der definitiv zu empfehlen ist und dabei hilft, dass der Mut zur Veränderung nicht durch Unsicherheiten und Verwirrung auf der Suche nach einem geeigneten Therapieplatz ausgebremst wird!
Erschienen im Verlag BALANCE zur Sache, ISBN 978-3-86739-038-5, 17,95 €.
Offene Arme – Melanie Gerland
Dass in einem Comic ernste Themen behandelt werden, ist eher selten der Fall. Melanie Gerland, die Visuelle Kommunikation mit dem Schwerpunkt Illustration und Comic studiert, hat diesen Weg der Graphic Novel gewählt, um ihre Erfahrungen mit selbstverletzendem Verhalten zu schildern. Unter dem Titel Offene Arme ist der autobiographische, 128seitige Bildband im Juni 2010 erschienen und zum Preis von 19,95 € erhältlich.

Was die Bildsprache und die Qualität der Zeichnungen angeht – Hut ab. Ebenso vor dem Mut der Autorin, so offen mit ihrem Erleben von Mobbing und Autoaggression umzugehen.
Der Hardcover-Einband und das schwere, glänzende Papier der Seiten lassen Offene Arme bereits vom Optischen und Haptischen her aus der Masse der meisten Comics hervortreten. Die Bilder sind in schwarz-weiß gehalten, wobei die eigentlichen Comiczeichnungen aufgelockert werden durch einige handschriftliche Briefe zwischen der 15jährigen Protagonistin Melanie und ihrer Freundin Nicole.
Leider wirkt die Darstellung Melanies recht naiv: in der Schule ausgegrenzt und daheim vom Vater ignoriert, verliebt sie sich, wie auch Nicole, in einen älteren Musiker. Als dieser ihre Gefühle nicht erwidert, beginnt Melanie sich ebenso wie Nicole zu ritzen und wird schließlich von ihrer Mutter an einem Suizidversuch gehindert. Am Ende des Bandes befinden sich beide Mädchen in Therapie – und tauschen sich darüber aus, wo sie die preiswertesten Rasierklingen kaufen können.
Dass der Klappentext selbstverletzendes Verhalten in einem Atemzug mit der Borderline-Störung nennt – und das auch noch in einer Formulierung wie “Borderline-’Karriere’” – verdient ein kräftiges Kopfschütteln. Gerade, da Offene Arme im Verlag Balance buch + medien (einem Imprint des Psychiatrie-Verlags) erschienen ist, wo ich seitens der Herausgeber doch eigentlich das nötige Fachwissen vermute, hätte das wirklich nicht sein müssen. Selbstverletzendes Verhalten kann ein Symptom einer Borderline-Störung sein, ja. Aber nicht jeder, der sich ritzt, ist deshalb automatisch Borderliner, und dass hier eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung einmal mehr mit pubertärem Liebeskummer gleichgesetzt wird, ist herb. Somit unterstützt Offene Arme leider nur ohnehin schon weit verbreitete Vorurteile und Klischees – schade.
Gut, die Story ist autobiographisch und ein Fortsetzungsband in Vorbereitung. Aber was nimmt der Leser hier mit? Jemand, der sich mit der Thematik nicht auskennt, wird nurmehr in gängigen Vorurteilen bestätigt. Und Betroffene werden mit einem Ende stehen gelassen, dass doch davor abschreckt, sich in einer Therapie professionelle Hilfe zu suchen: zum Einen entsteht dadurch, dass die beiden Mädchen weiterhin ritzen, der Eindruck, dass eine Therapie ohnehin nichts bringt. Und was bitteschön soll außerdem Nicoles Kommentar, dass sie ja von dem verschriebenen Haldol so krasse Nebenwirkungen bekäme? Das unterstreicht das Klischee, dass Patienten in einer Therapie ohnehin nur zwangsmedikamentiert und “ruhiggestellt” werden, und entspricht absolut nicht der Wirklichkeit. Ein derart starkes Medikament wie Haldol wird unter anderem bei Schizophrenie und Psychosen eingesetzt und keineswegs zur Behandlung von selbstverletzendem Verhalten, wo vielmehr Gesprächstherapie im Vordergrund steht.
Da hilft auch die letzte Doppelseite nicht viel, die die Adressen einiger Hilfsangebote aufzählt.
Fazit: beeindruckend gezeichnet, inhaltlich aber etwas fragwürdig.
Stimmengewirr – Mischa Bach
“Kriminalroman” lautet der Untertitel, doch in “Stimmengewirr” geht es um mehr als nur das Whodunnit:
als Kind missbraucht, entwickelte Cäcilia-Josephine Gerschke eine multiple Persönlichkeit: die resolute Jo, die besonnene Anna, Josephine, die nach außen hin die “Fassade” wahrt, die kleine Jolanda, die brave Tochter Cäcilia, Tom, ein Teenager mit Drogenhintergrund und viele weitere Innenpersonen entstanden, um das Überleben zu sichern. Im Hier und Jetzt hat die Jurastudentin dadurch immer wieder mit Zeitlücken und für sie unerklärlichen Nervenzusammenbrüchen zu kämpfen – und nun befindet sie sich plötzlich auch noch auf der Flucht, nachdem sie ihren Professor, der ihr zu nahe kam, niedergeschlagen hat.

Immer offensichtlicher wird, dass Jo & Co, wie sie sich nennen, sich mit ihrer traumatischen Vergangenheit auseinandersetzen müssen, an die nur bruchstückhafte Erinnerungen existieren. Gemeinsam begeben sich Jo & Co. auf die mühsame Suche nach Antworten auf ihre quälenden Fragen und entwirren sie nach und nach, wie ein Wirtschaftsskandal um die Druckerei des Vaters mit den Traumata ihrer Kindheit zusammenhängt und enthüllen immer weitere Einzelheiten des dunklen Familiengeheimnisses.
Was davon ans Licht kommt, verändert auch das Gefüge innerhalb des Systems, und noch komplizierter wird es, als sich Anna in den Reporter verliebt, der damals über den Druckereiprozess berichtet hatte – und dann ist da noch ihr Halbbruder Mike, der sich derzeit in Haft befindet und seinerseits mit den Albträumen aus der Kindheit kämpft…
Erzählt wird die Handlung abwechselnd von den verschiedenen (Innen-)Personen von Jo & Co. sowie von Mike; in kurzen Passagen werden auch die Eindrücke weiterer Protagonisten wiedergegeben, die Jo & Co. begegnen. Durch diese unterschiedlichen Perspektiven entsteht für den Leser ein sehr plastischer Eindruck: nicht nur in die Sichtweisen und Emotionen der einzelnen Innenpersonen kann man sich so gut hereinversetzen, sondern bekommt auch ein Bild davon, wie Jo & Co. von ihren Mitmenschen erlebt werden.
Die perfiden Grausamkeiten, die Jo & Co. und Mike in ihrer Kindheit widerfahren sind, werden zwar nicht detailliert beschrieben, sind aber nichtsdestotrotz harter Tobak und können triggern. Davon abgesehen hat die Autorin Mischa Bach die Story derart spannend geschrieben, dass man das Buch zwischendrin am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legt.