Der letzte Vogelkrieg. Traum oder Trauma? – Charlotte Lorenz

Emotionaler und sexueller Missbrauch von klein auf, Gewalterfahrungen in späteren Beziehungen, schließlich das Verlieren in einer psychotischen Parallelwelt – den Endloskatastrophen – immer wieder Suizidversuche und Psychiatrieaufenthalte, und endlich der Weg zur Heilung: den Stoff für “Der letzte Vogelkrieg. Traum oder Trauma?” lieferte Charlotte Lorenz ihre eigene Biografie.

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Der letzte Vogelkrieg. Traum oder Trauma? - Charlotte Lorenz

Von der tablettenabhängigen Mutter vernachlässigt und von einem Verwandten sexuell missbraucht, gleicht schon Charlottes Kindheit einem Albtraum. Dies setzt sich in ihren späteren Beziehungen fort, in denen sie misshandelt, zu sexuellen Handlungen gezwungen, erniedrigt und eingesperrt wird.
Spiegelwelten und beängstigende Vogelwesen tauchen auf, die Gericht halten über Charlotte und sie immer wieder zum freien Fall verurteilen; sie findet sich mitten im Vietnamkrieg wieder, wenn sie in der Stuttgarter Wohnung vergewaltigt wird, und ihre Gedanken fallen als Kristallsplitter auf den Boden, die sie aufheben und wieder in ihre Handflächen hineinreiben muss. Autokennzeichen und Vögel am Himmel werden umgedeutet zu Botschaften über ihren Tod.

Wirklichkeit und psychotisches Erleben überlagern sich, für Charlotte oft nicht zu unterscheiden. Und so wird auch ihre Lebensgeschichte nicht chronologisch erzählt, sondern es mischen sich in die Schilderungen des aktuellen Lebens und ihrer Therapie immer wieder Sequenzen aus den Vogelkriegen und ihrer traumatischen Vergangenheit. Auf den Leser mag dies anfangs verwirrend wirken, aber durch die unterschiedliche Typographie sind die einzelnen Passagen deutlich zu unterscheiden.

Vorübergehende Beruhigung findet Charlotte schließlich im monotonen Rhythmus unzähliger Gedichte, die sie aufschreibt oder auch einfach nur vor sich hin spricht, um sie loszuwerden. Anfangs jedoch sieht sie sich selbst dabei nicht als kreative Verfasserin, sondern nur als Übersetzerin der Bilder aus der Traumwelt.
Erst nachdem Charlotte erkennt, dass ihr das Ruhigstellen mit hochdosierten Medikamenten nicht dauerhaft weiterhelfen kann, beginnt sie gemeinsam mit ihrem Therapeuten die Bildsprache ihrer Halluzinationen Stück für Stück zu entschlüsseln. So wird offensichtlich, dass sie nicht “einfach verrückt” ist, sondern dass sich in diesen furchteinflößenden Bildern in Wahrheit ihre Lebensgeschichte verbirgt – chiffriert zwar, aber nach und nach kann sie den Bezug zu ihren traumatischen Erfahrungen herstellen und sieht sich den Vogelwesen nicht mehr hilflos ausgeliefert gegenüber. Charlotte entdeckt die heilsame Kraft des Schreibens und lernt, für sich ein lebenswertes Heute aufzubauen, in dem es um mehr geht als nur um das blanke Überleben.

Durch die plastische Bildsprache spürt auch der Leser den kalten Schrecken, der von den Endloskatastrophen ausgeht und erlebt die albtraumhaften Erfahrungen Seite um Seite hautnah mit. Ein Buch, das berührt und erschüttert, und anbetrachts der schließlichen Heilung zugleich Mut macht.

Erschienen im Verlag Balance Buch + Medien, ISBN 3867390126, 14,90 €.


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