Therapie an der Grenze: die Borderline-Persönlichkeit. – Thomas Reinert

Ausgesprochen ausführlich informiert dieses Fachbuch über die Theorien zur Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) und deren Therapiemöglichkeiten.

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Über die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) sind schon zahlreiche Fachbücher verfasst worden. Die Tiefe und Gründlichkeit, mit der Dr. med. Thomas Reinert nicht nur auf die unterschiedlichen Symptome eingeht, sondern auch ausführlich auf die Faktoren, die zum Entstehen dieser Störung beitragen, lässt “Therapie an der Grenze: die Borderline-Persönlichkeit. Modifiziert-analytische Langzeitbehandlungen” hier herausragen.
Mit dem Wissen aus mehr als zwanzig Jahren Erfahrung in der Behandlung von Borderline-Betroffenen informiert Thomas Reinert den Leser umfassend über das Störungsbild der BPS sowie über die unterschiedlichen Behandlungskonzepte und ihre therapeutischen Möglichkeiten.

Therapie an der Grenze: die Borderline-Persönlichkeit - Thomas Reinert

Trotz der anspruchsvollen Auseinandersetzung mit der bereits vorliegenden Fachliteratur bleibt das Buch hierbei keinesfalls rein wissenschaftlich, sondern erfährt durch die zahlreichen Schilderungen aus dem Therapiealltag sowie durch das Vorstellen der modifiziert-analytischen Langzeitbehandlung einen fundierten praktischen Bezug. Somit trägt die Lektüre gleichermaßen bei Betroffenen, Interessierten und Fachpersonal zum Verständnis der BPS bei, wie sie auch konkrete hilfreiche Wege in der therapeutischen Praxis aufzeigt. Denn “Therapie an der Grenze” ist ein Plädoyer dafür, dass die Borderline-Störung keineswegs derart “untherapierbar” ist, wie es oftmals heißt.

Zunächst stellt Reinert die Grundsätze der Individualpsychologie vor, die als Adler’sche Variante der Psychoanalyse seine Methodik maßgeblich mitgeprägt hat, und zeigt Verbindungen zu anderen Disziplinen wie die der Hirnforschung, der Säuglingsbeobachtung und der Emotionspsychologie auf. Anschließend widmet er sich den verschiedenen Borderline-Theorien wie Kernberg, Mahler und andere sie vertreten. Durch die sehr gründliche und anspruchsvolle Beschäftigung mit diesen verschiedenen therapeutischen Haltungen, die jeweils durch viele Originalzitate aus der Fachliteratur vorgestellt werden, liest sich der erste Teil des Buches mitunter etwas mühsam. Das dadurch gewonnene umfassende Wissen entschädigt dafür aber allemal und bereitet den Leser optimal auf den folgenden Part vor.

Da die Ursachen der BPS in der Kindheit der Betroffenen zu suchen sind, kümmert Reinert sich sehr genau diesem Punkt und analysiert die Auswirkungen von Kindheitstraumata und malignen Familienkonstellationen auf das Entstehen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Typische Symptome wie etwa das Nähe-Distanz-Problem, das viele Betroffenen an zwischenmenschlichen Beziehungen verzweifeln lässt, oder die Innere Leere finden hier eine Erklärung. Oftmals auftretende Komorbiditäten wie die Selbstverletzungen erscheinen in diesem Licht nunmehr als “logische” Reaktionen auf die früheren Umstände und als autoregulative Mechanismen.

Das letzte Kapitel widmet sich schließlich der therapeutischen Praxis der modifiziert-analytischen Langzeitbehandlung. Fallbeispiele und mehrere Farbdrucke von in der Therapie entstandenen Bildern geben hier einen praktischen Einblick. Reinert schildert hier ebenso detailliert sein Vorgehen wie er auch auf das Umfeld eingeht, in dem die Therapie stattfindet; auf die Einbeziehung des Körpers sowie auch auf die Gefahr psychotischer Dekompensationen. Auch zu dem unter Fachleuten umstrittenen Thema der Regression als hilfreiche oder abzustoppende Phase bezieht er Stellung. Abschließend findet sich ein Blick auf den Verlauf und den Abschluss der Therapie.

Erschienen im Verlag Klett-Cotta in der Reihe „Leben lernen“, ISBN: 978-3-608-89730-2 zum Preis von 25,90 €.

Rezension: Anne Mühlbauer aka Quecksilber

es gibt 3 Kommentar/e

Irgendwer
meinte dazu am 15. Januar 2011 um 18:20:

Ich habe dieses Buch nicht gelesen und würde es auch nicht kaufen.

Die Beschreibung des Inhalts reicht, um sich das Geld dafür zu sparen.

Warum?

Weil ein Loblied auf die analytische Langzeittherapie gesungen wird, es eingangs heißt, dass der Autor sich mit den Behandlungsmethoden bei Boderline beschäftigt und sie darstellt.

Wenn dem so ist, dann kann man erwarten, dass er alle Behandlungsansätze auch aus anderen Therapieschulen darstellt, insbesondere der Verhaltenstherapie (welche durch die traumafokusierte kognitive Verhaltenstherapie Borderline-Patienten sehr gut helfen und auch heilen kann).

In der Beschreibung des Inhalts findet sich hierzu nichts. Auch über die neuen traumatherapeutischen Ansätze gibt es keine Anmerkung.

Ich frage mich, ob der Autor auch die furchtbaren Qualen erwähnt, die bei analytischen (Langzeit-)Prozessen auf den Patienten zukommen. Und ich frage mich, ob er auch erwähnt, dass es schonendere Therapien gibt. Wo klärt er über Nebenwirkungen, Therapieschäden durch analytische Langzeitbehandlung auf?

Zu all diesen Themen wird hier nichts gesagt. Wenn ein Buch umfassend sein soll, dann müssten diesen Themen Kapitel gewidmet sein. Aus der Beschreibung des Buches ist dies nicht ersichtlich. Es ist anzunehmen, dass dazu nichts gesagt wird.

Ich glaube kaum, dass einem dieses Buch wirklich weiterhelfen kann als Therapeut, sondern dass es dem bereits eingeschlagenen Trampelpfad in der Behandlung von Borderline-Patienten einfach blind folgt. Ist es hilfreich, die x-te Modifikation von analytischen Borderline-Therapieverfahren zu kennen, wenn andere Therapieschulen viel wirksamere und schonendere Verfahren kennen? Ich glaube nicht.

Die Inovationen, die vor allem aus der Traumatherapie, aus der neueren Hirnforschung und aus der kognitiven Verhaltenstherapie kommen, werden nicht erwähnt, weil der Autor im analytischen Fahrwasser bleibt und den Blick über den Tellerrand nicht tut.

Genau das aber ist es, was in Sachen Borderline den Patienten zu wünschen wäre, den Therapeuten die Arbeit in Zukunft erleichtern würde.

Wer sich schon hinsetzt und dicke Fachbücher liest, sich damit rumplagt, dem empfehle ich, die Auseinandersetzung mit schulenfremden Ansätzen. Dort wird er soviel mehr für sich gewinnen können als mit weiterer analytischer Lektüre. Es bleibt zu hoffen, dass immer mehr Therapeuten diesen Weg begehen, sich integrativ auszubilden und eklektisch im Interesse des Patienten zu behandeln.

Es ist schade, dass es nicht zu mehr reicht, als der eigenen Disziplin treu zu bleiben.

Eigentlich ist es kein “Borderline-Buch”, sondern ein “Analytisches Buch”.

Mein Fazit, allein aus der Beschreibung heraus:
Ich glaube, dass dieses Buch eher den Blick auf die Behandlung und die Borderline-Patienten selbst verstellt als klärt. Es wirkt komplett, wer sich auskennt, sieht, was alles fehlt und dass eine einseitige, schulenzentrierte Auseinandersetzung mit Borderline-Therapie an sich schon der Thematik nicht gerecht werden kann.

Irgendwer
meinte dazu am 15. Januar 2011 um 18:24:

Kurze Ergänzung:

Mir ist das Buch allein aufgrund der Beschreibung viiiel, viiiel zu unkritisch!!!

Ich vermisse wirklich, dass sich der Autor mit den Negativaspekten solcher Behandlungsmethoden auseinandersetzt.

Kein Buch, das in diesem Bereich veröffentlich wird, sollte Risiken und Therapieschäden durch analytische Therapie mehr links liegen lassen, wenn es den Anspruch hat, wirklich gute Fachliteratur sein zu wollen.

Meine Meinung!

Ein Leser
meinte dazu am 28. April 2011 um 21:52:

Ich habe das Buch gelesen und fand es interessant. Andere Behandlungmethoden als die analytische sind auch erwähnt, ebenfalls neurobiologische Ergebnisse und es gibt den expliziten Hinweis, dass die genannte Methode nicht für jeden Patienten geeignet ist. Entsprechend des Titels geht es aber in erster LInie nicht um alle Borderline-Behandlungsmethoden sondern eben speziell die modifiziert-analytische Langzeitbehandlung. Dabei beruft sich der Autor auf die Individualpsychologie und erklärt die zu Grunde liegende Theorie sehr ausführlich. Vor allem anhand der Fallbeispiele werden die Probleme während der Behandlung anschaulich. Wichtigste Botschaft ist, dass er Borderline-Patienten keinesfalls für hoffnungslose Fälle hält sondern, dass er durch eine individuell zugeschnittene Behandlung gite Hoffnung für die Gesundung sieht.

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